Prof. Dr. Walther Hempel

Geheimer Hofrat Prof. Dr. Walther Matthias Hempel (5.5.1851 – 1.12.1916)

In memoriam Prof. Dr. Walther Hempel

Prof. Dr. Walther Matthias Hempel, Dresden

aus dem Inhalt:

– Lebenslauf Walther Matthias Hempel

Nachruf von Prof. Dr. Fritz Foerster

aus Walther Hempels Werken

Lebenslauf Walther Matthias Hempel:

Geboren zu Pulsnitz, den 5. Mai 1851, als dritter Sohn des Kaufmanns Eduard Hempel, Mitinhaber der Bandfabrik Christ. Hempels Wwe. u. Sohn in Pulsnitz, die nachweislich schon 1768 im Besitze der Familie war, und seiner Frau Marie geb. Jauch.

Wenige Jahre später zog sich der Vater von den Geschäften zurück und siedelte 1853 nach Dresden über, wo er drei Häuser auf der Ammonstraße (jetzt Nr. 5, 7, 9) baute und in denselben auch zu verschiedenen Zeiten gewohnt hat.

Walther verbrachte fast seine ganze Jugend in Dresden, besuchte zehn Jahre lang die Annenschule, wurde in der evangelisch-lutherischen Religion konfirmiert, bestand Ostern 1867 sein Maturitätsexsamen.

Im selben Jahre machte er seines erste größere Reise mit seinen Eltern nach Tirol, dessen Berge und Bevölkerung er Zeit seines Lebens besonders geliebt hat.

In memoriam Prof. Walther Hempel

Eduard Hempel, der Vater von Walther Matthias Hempel

Von 1867 – 1870 studierte er am Dresdener Polytechnikum die Chemie.

Nach Ausbruch des deutsch-französischen Krieges trat er im September 1870 als Kriegsfreiwilliger im Artillerieregiment Nr. 12 ein und rückte im November ins Feld, wo er an der Belagerung von Paris teilnahm. Nach sieben Monaten kehrte er bei Friedensschluß in die Heimat zurück und wurde im September 1871 vom Militär entlassen.

Später wurde er zum ersten Leutnant d. R. des neugebildeten Feldartillerieregiments Nr. 64 in Pirna ernannt.

Im Herbst 1871 ging er zur Fortsetzung seiner chemischen Studien nach Berlin an die Universität, arbeitete dort im Hofmannschen Laboratorium und hörte die anorganischen Vorträge des letzteren wie auch die organischen von Baeyer an der Gewerbeakademie.

Ostern 1872 ging er nach Heidelberg zu Bunsen und bestand am 2. August desselben Jahres sein Doktorexamen Summa cum laude.

Im Winter 1872 – 1873 studierte er weiter in Heidelberg, hörte außer Chemie Geschichte bei Heinrich von Treitschke und Philosophie bei Kuno Fischer.

Im Herbst 1873 trat er in die chemische Zentralstelle für öffentliche Gesundheitspflege bei Hofrat Fleck in Dresden ein und war hier zwei Jahre Assistent.

Ostern 1876 wurde er erster Assistent bei Hofrat Schmitt am Dresdner Polytechnikum, wo er zwei Jahre arbeitete.

1877, während der großen Ferien, schrieb er seine Habilitationsschrift über „Gasanalyse“.

Im Januar 1878 habilitierte er sich als Privatdozent für technische Chemie am Dresdener Polytechnikum.

Schon seit seiner Assistentenzeit unternahm er viele Reisen, vor allem hat er eine große Anzahl Fabriken besucht und sich durch direkte Anschauung von dem Stande der einzelnen chemischen Industrien unterrichtet.

Im Sommer 1879 wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt, 1880 mit neunundzwanzig Jahren zum ordentlichen Professor der Chemie. Bis zu seiner Pensionierung war er der Leiter des anorganisch-chemischen Laboratoriums an der Technischen Hochschule in Dresden. Für seine zahlreichen in- und ausländischen Schüler wurde es nach und nach immer mehr ausgebaut, wobei er ganz seinem Grundsatz, die Untersuchungen mit einfachen Mitteln auf praktischem Wege zum Ziele zu führen, folgen konnte.

1880 Reise nach England, wo er eifrig Englisch lernte, 1881 erste Reise nach Amerika.

1883 verheiratete er sich mit Louisa Delia Monks aus Boston.

1886 baute er sich ein Haus auf der Zelleschen Straße (damals Nr. 25, später Altenzeller Straße 44, Dresden), wo er bis zu seinem Tode lebte. Im Garten pflanzte er fast jeden Baum und Strauch eigenhändig, und verfolgte bei seiner großen Liebe zur Natur und seinem Verständnis für die Bedingungen des Pflanzenlebens dessen Gedeihen bis zuletzt mit dem größten Interesse.

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Marie Hempel, geb. Jauch, die Mutter von Walther Matthias Hempel

1885, 1896, 1901, 1906 und 1910 Reisen nach Amerika, die er stets mit wissenschaftlichen Zwecken zu verbinden wußte. Er kannte den Westen der Vereinigten Staaten und Kalifornien wie auch Kanada aus eigener Anschauung, vor allem die an Mineralschätzen reichen Gegenden.

Wiederholte Male besuchte er Italien, wo er bis in die entlegenen sizilianischen Schwefelgruben vordrang und wohin er nach seiner Pensionierung eine besondere Exkursion zur Erforschung des Stromboli unternahm.

Ungarn, die Schweiz wie auch Belgien, England und Norwegen hat er bereist, und in die verschiedensten Gegenden Deutschlands führten ihn fast alljährlich wiederkehrende Exkursionen mit seinen Studenten.

Verschiedene Berufungen an auswärtige Hochschulen lehnte er ab, da er zu fest im heimatlichen Boden wurzelte.

Solange er in Dresden war, arbeitete er rastlos von früh bis spät und hatte doch stets Zeit für alle, die ihn brauchten.
Am 1. April 1912 ließ er sich aus Gesundheitsrücksichten pensionieren, behielt jedoch im Wintersemester seine je zweistündigen Vorlesungen über „Metallurgie“ und über „chemische Großindustrie“ auch weiterhin bei (die letzte am 23. Oktober des Jahres) und arbeitete fast täglich in seinem kleinen selbsteingerichteten Gartenlaboratorium in der Hochschule.

Bis zuletzt beschäftigte er sich aufs eingehendste mit verschiedenen wissenschaftlichen Fragen und erfreute sich großer Leistungsfähigkeit.

Nach fünfwöchentlichem Kranksein, das jedoch seine geistige Kraft nicht beeinträchtigte und mit keinen eigentlichen Schmerzen verbunden war, verschied er plötzlich an Herzlähmung am Morgen des 1. Dezember 1916.

In memoriam Prof. Walther Hempel

Rechts Prof. Dr. Walther Hempel, in der Mitte seine Ehefrau Louisa Delia Hempel, vor ihr auf dem Teppich die Tochter Elisabeth Susanna Hempel, links neben ihr Eberhard Hempel, links hinten Uncle Sam und Ehefrau

Nachruf von Professor Dr. Eisenhans, Rector magnificus der Königl. Technischen Hochschule zu Dresden:

Tief erschüttert und schmerzlich bewegt steht die Professorenschaft der Technischen Hochschule wiederum an der Bahre eines der Ihrigen. Geheimer Rat Dr. Walther Hempel ist ja, obwohl er 1912 in den Ruhestand trat, immer noch einer der Unsrigen gewesen.

Schon als Student, dann als Assistent 1878 und hierauf in schnellem Aufstieg als Privatdozent, außerordentlicher und ordentlicher Professor hat er der Hochschule angehört und eine ungewöhnlich erfolgreiche und weit hinauswirkende Tätigkeit als Forscher und Lehrer entfaltet.

Dreimal hat er das Amt des Rektors der Hochschule bekleidet. Mehrere Jahrzehnte hat er so die reiche Entwickelung und den glänzenden Aufstieg unserer Hochschule sorgend und mitarbeitend miterlebt und hat selbst unter den ersten ihre hohe Blüte bis zur Gegenwart mit herausführen helfen.

Und als er 1912 in den Ruhestand trat, da hat er noch immer, soweit es in seinen Kräften stand, seine Dienste der Hochschule gewidmet. Noch bis in die letzte Zeit hinein hat er in mancherlei schwierigen Fragen seinen Rat und seine Kräfte uns zur Verfügung gestellt und haben wir es immer wieder empfinden dürfen, wie warm sein Herz für unsere Hochschule schlug.

Es hat wohl wenige Männer gegeben, bei denen so sehr, wie bei ihm, das Interesse an der eigenen Person hinter dem an der Sache zurücktrat. Für das, was er als richtig erkannt hatte, trat er mit Eifer und Energie, oft mit fast jugendlichem Ungestüm ein.
Es erregte unsere Bewunderung, wie er in einer vielfach so oberflächlichen, schwächlichen und blasierten Zeit, die Fähigkeit, sich für eine Sache zu erwärmen und zu begeistern, sich bis ins Alter hinein bewahrte.

Wir können es nicht verstehen, daß wir ihm nicht mehr in die Augen sehen sollen, die immer noch von jugendlichem Feuer erglänzten, und daß wir seine freundschaftliche Wärme, seinen viel erfahrenen Rat entbehren sollen. Aber er bleibt uns unverloren. Jene jugendliche Kraft, die an der Arbeit mit der Jugend sich immer aufs neue entzündet, das unermüdliche Suchen und Forschen nach Erkenntnis der Wahrheit, die Wärme der Freundschaft mit dem offenen Herzen, die Hingabe an das Ganze, die in ernstester Zeit bereit ist, alles zu tun, was das Vaterland fordert, sie werden mit dem Gedächtnis an seine Persönlichkeit unter uns fortleben.

Zum Zeichen dauernden Gedenkens und nimmer erlöschenden Dankes für alles, was Walther Hempel uns gewesen ist, lege ich im Namen der Professorenschaft der Technischen Hochschule diesen Kranz an seiner Bahre nieder.

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Dresden, Altenzeller Straße 44, erbaut 1886/87, zerstört am 13.2.1945, Aufnahme um 1890.

Geheimer Hofrat, ordentlicher Professor Dr., Dr.-Ing. e. h., Dr. phil. Fritz Foerster, Direktor des Anorganisch-chemischen Laboratoriums der Königl. Technischen Hochschule zu Dresden:

(de.wikipedia.org/wiki/Fritz Foerster)

In tiefer Wehmut steht die Chemische Abteilung der Dresdner Technischen Hochschule an der Bahre ihres teuren Walther Hempel, des Mannes, der ihre heutige Organisation geschaffen und Jahrzehnte hindurch ihr den Stempel seines Geistes aufgedrückt hat.

Voller Stolz darauf, sich einen Schüler Robert Bunsens nennen zu dürfen, hat der Verewigte sich zu einer Zeit, in welcher der gewaltige Aufschwung der organischen Chemie die meisten Talente unter den jungen Chemikern zu diesem Zweige unserer Wissenschaft hinzog, der anorganischen Chemie zugewandt.

So gern und freudig er sich aber in den Höhen der reinen Wissenschaft sonnte, so hat doch eine durchaus auf das Praktische gerichtete Wesensart, ja ein gewisses Gefühl der Verantwortung gegen das Wirtschaftsleben seines Volkes den Entschlafenen immer wieder zu den technischen Anwendungen seiner Wissenschaft hingeführt.

Schon als ganz junger Chemiker erkannte er klar, daß einer großen Anzahl von chemischen Betrieben, welche Gase verbrauchen oder erzeugen, die leichte Uberwachung durch die chemische Analyse mangelte, da es an Verfahren zur genügend schnellen und bequemen Ausführung der Gasanalyse fehlte. Zwar hatte sein großer Lehrmeister schon vor geraumer Zeit die Chemie mit sehr genauen Arbeitsweisen zur Analyse von Gasen beschenkt, aber deren Ausführung erforderte einen zu hohen Aufwand Zeit, Geschicklichkeit und Rechnung, um für technische Betriebe allgemein in Betracht zu kommen. Auch hatte schon 1872 Cl. Winkler einen ordentlich bedeutsamen und erfolgreichen Schritt vorwärts getan in Richtung der Anpassung der Gasanalyse an technische Bedürfnisse, aber eine allseitig befriedigende Lösung der Aufgabe, zumal in bezug auf Einfachheit, war es noch nicht. Unterstützt durch ein großes konstruktives Geschick, das stets die einfachsten Mittel bevorzugte, und durch eine hohe Fertigkeit in der Kunst des Glasblasens, hat Hempel sein Ziel in einer bisher nicht übertroffenen Weise erreicht.

Die Arbeit, mit der er sich im Anfange des Jahres 1878 am damaligen Dresdner Polytechnikum habilitierte, enthält völlig fertig entwickelt die Gasbürette und die Gaspipette, jene beiden Apparate, die in der Folgezeit den Namen Hempels den Chemikern der ganzen Erde vertraut gemacht haben, da mit ihrer Hilfe es möglich ist, auch verwickelt zusammengesetzte Gasgemische durch Untersuchung einer einzigen Gasprobe in kürzester Zeit und in einfachster Weise mit einer für die Technik genügenden Genauigkeit zu analysieren.

Die weitere Ausgestaltung der technischen Gasanalyse und die Verfeinerung seiner Arbeitsweisen zur Anwendung auch in den höhere Genauigkeit beanspruchenden Fällen bilden den Hauptinhalt von Hempels wissenschaftlichem Lebenswerk. Sein im Jahre 1913 in vierter Auflage erschienenes Buch über „Gasanalytische Methoden“ zeigt neben uneingeschränkter Anerkennung fremden Verdienstes die führende Rolle, die Hempel auf dem von ihm betretenen Gebiete eingenommen hat, sowie die unermüdliche Arbeit, mit der er seine Verfahren immer neuen Gebieten der Wissenschaft und Technik anzupassen gewußt hat.

Kein Wunder, wenn von nah und fern jüngere und ältere Fachgenossen das Dresdner Laboratorium aufsuchten, um die Gasanalyse unmittelbar bei ihrem Meister zu erlernen.

Bei allen seinen Erfolgen aber hat dieser sich stets seine große Bescheidenheit bewahrt. Nie ist er der für manchen Naturforscher gefährlichen Uberhebung verfallen. In tiefer Ehrfurcht stand er der Allgewalt der Natur gegenüber und bekannte oft und gern, wie wenig doch menschlicher Scharfsinn bisher die Geheimnisse der Natur zu enträtseln vermöchte.

Keineswegs einseitig in der Richtung der Gasanalyse ist Hempels wissenschaftliches Wirken geblieben. Insbesondere die für die gesamte Technik wichtige Kenntnis der Vorgänge in den Feuerungen, die Wege zur sparsamen Ausnutzung unserer Brennmaterialien, sowie die Verfahren zu deren Wertbestimmung verdanken Hempel sehr vieles. Ebenso waren die Bekämpfung der Rauchplage wie der Rauchschäden der Industriegase Aufgaben, denen Hempel zeitlebens die größte Aufmerksamkeit zuwandte, und an deren bisher erreichter Lösung er führend mitgewirkt hat.

Neben diesen Problemen von allgemeinster Bedeutung hat Hempel eine sehr große Zahl der mannigfaltigsten wissenschaftlichen und technischen Fragen, wie auch solche des alltäglichen Lebens bearbeitet. Es hieße eine Anzahl Gebiete der analytischen und der technischen Chemie, Fragen der Ernährung wie der Geologie anführen, sollten diese Untersuchungen eingehende Darlegung finden. Ihre Ergebnisse sind in sehr verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht, stets in knappster, überaus klarer Sprache.

Bei alledem gehörte ein sehr großer Teil seiner Zeit der Lehrtätigkeit. Schon ein Jahr nach seiner Habilitation, 1879, wurde Hempel zum außerordentlichen, ein weiteres Jahr später zum ordentlichen Professor für technische Chemie und zum Leiter des mit der Professur verbundenen Laboratoriums ernannt. Diesem, das bisher nur der technischen Chemie gewidmet war, wurden nunmehr die anorganisch-analytischen Ubungen zugewiesen, vom Wintersemester 1879/80 ab bestehen an unserer Hochschule nebeneinander das Anorganisch-chemische und das Organisch-chemische Laboratorium.

In seinen Vorlesungen hatte Hempel damals die gesamte chemische Technologie zu behandeln. Dabei gelangte er zu der Überzeugung, daß es unumgänglich sei, für alle so verschiedenartigen Teile dieses gewaltigen Gebietes, wie beispielsweise die metallurgischen Verfahren, die Gärungsgewerbe oder die Teerfarbengewinnung die gleiche Sachkunde zu gewinnen und dauernd zu bewahren. Dadurch wurde Hempel, als dann im Jahre 1893 der Lehrstuhl für die damals in einer Hand befindliche gesamte Experimentalchemie frei wurde, dazu geführt, den ganzen Unterricht an der Chemischen Abteilung auf neuer Grundlage zu organisieren.

Jeder Hauptzweig der wissenschaftlichen und experimentellen Chemie erhielt danach eine besondere Professur mit eigenem selbsttätigen Laboratorium, und jede dieser Professuren umfaßte neben den Vorträgen über die Theorie des ihr zugewiesenen Faches auch solche über dessen technische Anwendungen.
Unter diesen Gesichtspunkten übernahm Hempel jetzt die anorganische Experimentalchemie und behielt von der chemischen Technologie nur die auf anorganisch-chemische Gebiete sich erstreckenden Teile.

In schönstem Zusammenwirken mit dem damals auf den Lehrstuhl für organische Chemie und organisch-chemische Technologie berufenen Ernst von Meyer und unter der vertrauensvollen Zustimmung der sächsischen Unterrichtsverwaltung ist jener Grundsatz, der in trefflichster Weise der Eigenart des chemischen Unterrichts an den technischen Hochschulen sowie dessen Bedürfnissen nach größter wissenschaftlicher Vertiefung Rechnung trägt, später weiter entwickelt worden zum Segen unserer Chemischen Abteilung, die heute fünf Ordinariate mit den zugehörigen Laboratorien umfaßt. Mehrere andere technische Hochschulen sind seitdem der Dresdener auf dieser Bahn gefolgt.

Wer Hempels ganze Persönlichkeit kennenlernen wollte, mußte ihn im Laboratorium unter seinen Studenten sehen, wie er, von früh bis abends für jeden zu sprechen, jeden für seine Aufgabe zu begeistern, ihm über Schwierigkeiten hinwegzuhelfen, ihn bei Mißerfolgen aufzumuntern wußte.

Seine Lehrweise war nie schematisch, immer wußte er den Studierenden anzuleiten, mit den einfachsten Mitteln, wie sie sich gerade boten, sich selbst zu helfen. In seinen Vorlesungen über Experimentalchemie, die er stets in früher Morgenstunde selbst experimentell vorbereitete, lehrte er nicht nur die chemische Theorie, sondern auch die chemische Experimentierkunst.

Seine technischen Vorträge waren gleich anziehend für den Jünger der Wissenschaft, wie für die, welche schon jahrelang in der Praxis gestanden, und von denen so mancher gern, wenn es die Umstände erlaubten, zu den Füßen des Meisters zurückkehrte. In seltener Weise verstand es Hempel, die technischen Probleme auch in ihren Einzelheiten klar herauszuheben und die nach Zeiten und Umständen wechselnden, zu ihrer Lösung eingeschlagenen Wege ihrem Wesen nach zu schildern und kritisch zu beleuchten. Hierin wirkte er um so anregender und überzeugender, als auch schon der junge Student sofort merkte, daß ihm hier eine von durchaus praktischen Gesichtspunkten geleitete Kritik entgegentrat, die aus jahrelanger persönlicher Kenntnis technischer Betriebe schöpfte. –

Diese Kenntnis hat sich Hempel auf zahlreichen, immer wiederholten Reisen zur Besichtigung chemischer Fabriken des In- und Auslandes erworben. Nicht müde wurde er, auch seinen Studenten auf größeren oder kleineren Exkursionen Einblicke in das Arbeiten chemischer Fabriken zu vermitteln. Wer solche Exkursionen mit ihm mitgemacht hat, der hatte Gelegenheit, die frische, bezwingende Persönlichkeit des Entschlafenen als Lehrer und Mensch im höchsten Maße auf sich wirken zu lassen.

So hat Hempel viele Hunderte von jungen Chemikern herangebildet, die zeitlebens begeistert ihres begeisternden Lehrers gedacht haben und gedenken, und die, in den ihnen von ihm gewiesenen Bahnen fortschreitend, vielfach zu schönen technischen Erfolgen gelangt sind.

Damit ist er einer der Männer gewesen, die durch die Pflege tief wissenschaftlichen Sinnes, aber zugleich auch des praktischen Denkens in den Studierenden der Chemie von den technischen Hochschulen aus die Blüte der deutschen chemischen Industrie vorbereiten und ihre Entfaltung fördern halfen. Nur selbstverständlich ist es, daß der wissenschaftliche und technische Rat eines solchen Mannes nicht nur von seinen ehemaligen Schülern, sondern von den verschiedensten Zweigen der Industrie, von Privaten wie von Behörden, gesucht wurde, und wie gern und freudig ward er erteilt!

Aber freilich, eine solche Arbeitsfülle konnte auch vom gestähltesten Körper nicht Jahrzehnte geleistet werden, ohne Spuren zu hinterlassen.
So mußte sich denn der Entschlafene vor nunmehr fünf Jahren entschließen, von seiner Lehrtätigkeit zurückzutreten, von der Stätte zu scheiden, der er trotz manchen verlockenden Rufes von außen her, ein Dritteljahrhundert treu geblieben war. Dieser schwere Entschluß wurde ihm dadurch erleichtert, daß er an der alten Arbeitsstätte ein kleines Laboratorium sich einrichten wollte, in dem er seiner geliebten Wissenschaft weiter leben konnte. Der Wunsch, seinem Nachfolger die Übernahme der großen Arbeitslast seiner Professur zu erleichtern, bewog ihn auch, zunächst die chemisch-technischen Vorlesungen noch beizubehalten.

So blieb er auch als Emeritus der Unsere, und in altgewohnter Weise durften wir uns bei den Beratungen der Abteilung seines Rates erfreuen. Vor zwei Jahren wollte er auch diesen Rest seiner Tätigkeit an der Hochschule allmählich aufgeben.

Da brach der Krieg aus, und die damit in der Abteilung erforderlichen Vertretungen machten es sehr erwünscht, daß der Entschlafene seine chemisch-technischen Vorträge in der bisherigen Weise fortsetzte. Ohne einen Augenblick zu zögern, trat er freudig in die Bresche.

Wenn er schon vorher in seinem Privatlaboratorium so manche schöne Erperimentalarbeit durchgeführt hatte, so begann nun ein überaus eifriges Arbeiten an den Problemen, die der gewaltige Krieg unserer Wissenschaft stellte. Es war für Hempel eine große Genugtuung, daß er, der 1870/1871 mit der blanken Waffe am Aufbau von Deutschlands Größe mitgewirkt hatte, jetzt mit den durch ein ganzes Leben geschliffenen Waffen des Geistes an der Aufrechterhaltung des teuren Vaterlandes mit schönem Erfolge mitarbeiten konnte.

Neue große Aufgaben im Dienste der Luftschifffahrt beschäftigten ihn, als vor wenigen Wochen sein körperliches Befinden ihm die gewohnte eifrige Tätigkeit zu versagen begann.

Nun ruht er aus von rastloser, an Erfolgen reicher Arbeit im Dienste der Wissenschaft, der Mann, den seine Schüler und seine Kollegen verehrten und liebten, dessen bezwingende Frohnatur und dessen reines, stets nur der Sache sich widmendes, jede Nebenrücksicht von sich weisendes Wollen ihm die Herzen und das Vertrauen aller gewannen, die mit ihm in Berührung kamen, dessen hoher wissenschaftlicher Sinn und klarer praktischer Blick, dessen Hingabe an seinen Lehrberuf uns, seinen Mitarbeitern, ein leuchtendes Beispiel bleibt.

In seinem Geiste weiterwirkend, wird die Chemische Abteilung ihre Dankesschuld an Walther Hempel abtragen und zugleich die beste Gewähr für ihr weiteres glückliches Gedeihen finden, das dem teuren Entschlafenen in rührender Weise bis zuletzt am Herzen lag.

Als Zeichen treuen ehrenden Gedenkens lege ich im Namen der Chemischen Abteilung diesen Lorbeer nieder an deiner Bahre, teurer Freund!

Habe Dank!

Ruhe sanft!

In memoriam Prof. Walther Hempel

Prof. DR, Walther Hempel auf einer Wanderung mit der Familie

Geh. San.-Rat Dr. med. Gelbke:

Dm Namen der Gesellschaft für Natur- und Heilkunde rufe ich unserem lieben dahingeschiedenen Freunde einen letzten Dank und Abschiedsgruß nach!
Erfüllt von lebhaftem Interesse für die ärztliche Wissenschaft, hat Hempel seit langer Zeit in einem ganz besonders nahen und freundschaftlichem Verhältnis zu unserer Gesellschaft gestanden, welcher er seit 1875 als Mitglied und seit dem Jahre 1904 als Ehrenmitglied angehörte.

In dieser langen Zeit hat er uns aus dem reichen Schatze seines Wissens auf dem Gebiete fast der gesamten Naturwissenschaften wertvolle Gaben gespendet. Wir verlieren mit ihm einen unserer treuesten Gönner und Förderer.

Wem das seltene Glück beschieden war, mit Hempel durch ein nahes Freundschaftsverhältnis eng verbunden zu sein, wie es mir und vielen unter uns vergönnt war, der hat mehr verloren, als sich in kurzen Worten aussprechen läßt.
Er war der Gebende und wir waren die Empfangenden, und er gab mit immer vollen Händen und aus freudigem Herzen.

Wir trennen uns heute von seiner irdischen Hülle, aber das, was er gewirkt und geschaffen hat, das, was er uns gab und was er uns galt, das wird in uns weiter leben und wir werden es behalten als ein teures Vermächtnis – und sein Bild, dieses strahlende Bild eines deutschen Mannes, voll nie ermüdender jugendfrischer Tatkraft und voll herzgewinnender Güte und Freundlichkeit, – dieses Bild wird nie verblassen und wir werden es in unseren Herzen bewahren, solange wir leben, in dankbarer Erinnerung!

In memoriam Prof. Walther Hempel

Das Wohnhaus der Familie Hempel auf der Altenzeller Straße 44 in Dresden, Zustand bis zu den Bombenangriffen am 13. und 14. Februar 1945

Geheimer Hofrat Professor Dr. Möhlau:

Der Mensch hat nichts so eigen, so wohl steht ihm nichts an, als daß er Treu erzeigen und Freundschaft halten kann.
Die treue Liebe, die treue Freundschaft, sie lagen im Grunde deiner Seele.

Die in dieser warmen Sonne gestanden haben, sie wissen es, mit welcher Kraft und mit welchem Zartsinn du ein Freund warst. Die Treue der Freundschaft, das war das Herrlichste an dir. Und deshalb klagen wir, deine Freunde, um deinen Verlust, wir klagen aber auch um uns, denn wir haben mit dir ein Stück unseres Lebens verloren.

Habe Dank für alles, was du uns gegeben, für all‘ die Mühe und Sorge, die du um uns gehegt, für alle Treue, Liebe und Freundschaft, die du uns in so reichem Maße geschenkt hast. Du bist uns vorangegangen durch die geheimnisvolle Pforte in die ewige Klarheit. Wir folgen dir, wann Gott es will. Dein liebes Andenken aber, unvergeßlicher Freund, wir werden es hegen wie ein künstliches Gut in unseren dankbaren Herzen.

In memoriam Prof. Walther Hempel

Altenzeller Straße 44 in Dresden, Zustand bis 1945

 

 

Aus Prof. Dr. Walther Hempels Werken:

„Ich bin der Meinung, daß, wie man nie aufhören soll zu lernen, man auch nie aufhören sollte, körperliche Ubungen zu treiben.“
Über die Erziehung der jungen Männer. (Rede zur Feier des Geburtstages Sr. Majestät des Königs am 23. April 1902.)

„Gleich einer Hefezelle, die, in den Saft des Weines gebracht, eine umwälzende Änderung der Bestandteile desselben hervorruft, so haben die Naturwissenschaften in das alte Staatenleben ein Ferment geliefert, was zersetzend wirkt. Der ungeahnte materielle Reichtum, bedingt durch die Entwickelung des Maschinenbaues, der Ingenieur- und Bauwissen schaften und der Chemie, sie haben die Welt geändert.

Es ist die große Aufgabe der heranwachsenden Jugend der Universitäten und technischen Hochschulen, diese Anderungen zu verstehen und so einzugreifen, daß sie zum Heil des Ganzen werden. Man müßte mit Recht klagend auf unsere Zeit blicken, wenn die Naturwissenschaften nur materielle Güter brächten, wenn sich der geistige Besitz der Nation nicht entsprechend vermehrte, oder wenn gar die Gebiete des menschlichen Geistes, in welche die Religionslehre einführt, darunter Schaden gelitten hätten.

Es läßt sich nicht leugnen, daß eine Anzahl von Naturforschern, gereizt durch den überraschend großen Erfolg, gemeint haben, es könnte alles ergründet werden.

Als durch Bunsens und Kirchhoffs geniale Entdeckung sich die Gewißheit ergab, daß die Sterne für uns nicht immer ein Buch mit sieben Siegeln sein würden, als man fand, daß es möglich war, vermittels der Spektralanalyse über materielle Vorgänge in unerreichbarer Ferne Ausschluß zu erhalten, als Darwin mit scharfem Blick ungeahnte Gesetzmäßigkeiten zwischen den verschiedenen Tiergattungen erkannte, da glaubten einige, die Tore seien geöffnet, die Schranken gefallen, das alte Wort „Ich weiß, daß ich nichts weiß!“ (Sokrates) habe seine Bedeutung verloren.
Und doch gilt das Wort des Sokrates noch. All unser Schaffen hat uns eine Erkenntnis über das letzte Wesen der Dinge nicht gebracht. –

Ein Teil der Philosophen und Theologen ist es jedoch gewesen, welche viele Menschen verleitet haben zu glauben, sie könnten die Welt mechanisch zusammenkonstruieren, sie könnten an die Stelle der Religion eine wohlgefügte Wissenschaft stellen. Die Naturwissenschaften lehren etwas ganz anderes.

Man sagt nicht zu viel, wenn man behauptet, daß die höchsten Ziele der naturwissenschaftlichen Erkenntnis erreicht sind, wenn dieselbe so weit durchgearbeitet ist, daß sie sich mathematisch behandeln läßt. Die Mathematik ist für die Naturwissenschaften, was die Lehre von der Logik für die Philosophie war. Die Mathematik ist die Grundlage aller Naturwissenschaften. Es ist aber auch die Wissenschaft, die, wie keine andere, den Menschen zur vollen Klarheit bringt, daß es Gebiete gibt, welche dem menschlichen Geist nicht voll zugänglich sind, mit denen man aber trotzdem rechnen kann.

Eröffnet sich nicht eine Seite dieser wichtigen Erkenntnis für jeden Schüler, wenn er im mathematischen Unterricht zum erstenmal die Bekanntschaft einer imaginären Zahl macht? Ja schon, wenn ihm der Lehrer die Berechnung des Kreises zeigt, so sieht er, daß eine irrationale Zahl A existiert, der man sich in dem gebräuchlichen Zahlensystem nur begrenzt nähern kann, mit der sich aber trotzdem rechnen läßt, und jene imaginären Zahlen führen ihn in eine Welt, die für das menschliche Anschauungsvermögen unerfaßbar ist.

Wenn philosophierende Theologen Beweise für das Dasein Gottes erbringen wollen, so tun sie ihrer Sache einen schlechten Dienst, sie vergessen ganz, daß es Wahrheiten gibt, die sich nicht beweisen lassen, die aber trotzdem existieren, daß eben alles Wissen eine Grenze hat.

Der Geist der Naturwissenschaften ist nirgends ein verneinender. Die edelsten Geister, denen die große Erkenntnis beschieden war, haben dies stets demütig bekannt. So schreibt Tyndall, der bekannte englische Physiker: >In Bezug auf Kenntnisse zeigt die Physik polare Gegensätze. Nach einer Richtung hin weiß sie alles, oder ist wenigstens dazu bestimmt, alles zu wissen, nach der anderen weiß sie nichts. Die Wissenschaft weiß vieles von der mittleren Phase der Dinge, die wir Natur nennen und deren Produkt sie selbst ist, allein sie weiß nichts über den Ursprung oder den Zweck der Natur.<

Liebig schrieb am 29. November 1870 an seinen Freund Neuning, unseren verdienten sächsischen Staatsmann:

>Ich hatte mit dem Leben abgeschlossen und erwartete den Tod ohne Bedauern, denn für unsereins hat das Leben keinen Reiz mehr, wenn die Schwächen des Geistes und Leibes uns verbieten, an dem gewaltigen Schaffen und der Bewegung der Zeit uns zu beteiligen. Religiöse Bedürfnisse, soweit sie sich nur auf die Furcht beziehen, was nach dem Tode aus uns wird, habe ich nicht. Dies ist wohl der Hauptgewinn, den meine Beschäftigung mit der Natur und ihren Gesetzen mir gewährt hat. Ich finde alles so unendlich weise geordnet, daß gerade die Frage, was mit dem Abschied des Lebens aus mir wird, mich am allerwenigsten beschäftigt. Was aus mir wird, ist sicherlich das Beste, darüber bin ich ganz vollständig beruhigt.<

Die Naturwissenschaften führen mit zwingender Notwendigkeit zu dem festen Bewußtsein, daß alles Erkennen eine Grenze hat. Sie lassen der Religion und den humanistischen Wissenschaften ihre Gebiete, wo der Mensch Befreiung finden kann aus dem Unzulänglichen, Unbeschreiblichen, Unbegreiflichen. Sie führen zu dem Bewußtsein, daß Sitte, Wahrheit und Schönheit alles Tun beherrschen sollen, daß darum der wichtigste Hebel zum Fortschritte der Menschheit ist: die Pflege der Religion, der Wissenschaft und der Kunst.“

(Rede zur Feier des Geburtstages Seiner Majestät des Königs, gehalten 1891 in der Aula der Königlichen Technischen Hochschule zu Dresden.)

„Für den unkultivierten Menschen ist die Ausnutzung der Naturgesetze die einfachste und bequemste Art, seinen Lebensunterhalt zu finden, die höchsten Werte schaffen aber die geistigen und vor allem die moralischen Kräfte.

Auf die bange Frage: »Wie wird es für uns Deutsche möglich sein, in Zukunft den Wettbewerb mit allen anderen Nationen siegreich zu bestehen?« kann man antworten, daß dies der Fall sein muß, solange die Männer der Technik die Fahne der Wissenschaft hochhalten, aber nicht nur die der Fachwissenschaften, sondern vor allem auch die der sozialen Wissenschaften.

Die Technik wird sich ins Angemessene weiter entwickeln, wenn wir verstehen, die sozialen Fragen zu lösen.
Möge das deutsche Volk in diesen Fragen, wie bisher, bahnbrechend vorangehen!“

(Vortrag auf der 25. Hauptversammlung des Vereins Deutscher Chemiker in Freiburg i. Br. 1912.)

In memoriam Prof. Walther Hempel

Im Schlosspark des Rittergutes der Familie Hempel in Ohorn bei Pulsnitz, nordöstlich von Dresden gelegen

„Es ist ein schöner Traum, daß dieser Krieg zu einem Frieden führen wird, so daß unsere Gegner für immer abgetan sind.
Sind unsere tapferen Krieger aus dem Felde zurückgekehrt, so werden wir die Schwerter nicht in die Rumpelkammer hängen dürfen. Wir werden vielmehr unsere kommenden Geschlechter weiter zu Streitern erziehen müssen, daß sie gewappnet sind, jedem Feind zu widerstehen. Wir werden die Wissenschaften weiter pflegen um ihrer selbst willen und um mit ihnen zu immer höherer Entwickelung zu steigen.

>Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß.<

Deutschland wird weiter bestehen, es wird sich zu neuer, ungeahnter Blüte entwickeln, wenn wir alle, Männer und Frauen, kein Opfer an Gut und Blut scheuen, bis ein ehrenvoller Friede möglich ist, der seiner ruhmreichen Vergangenheit entspricht.

In memoriam Prof. Walther Hempel

Schlosspark der Familie Hempel in Ohorn

Aus dem Unglück kommt das Glück! Nicht für den einzelnen, aber für das große Ganze. Diejenigen, die ihre Lieben für das Vaterland zum Opfer gebracht haben, müssen in ihren Gedanken Trost suchen in den Gebieten, die der Wissenschaft unzugänglich sind, die wir aber erfassen können durch die Kunst und die Lehren der Religion.

Wir sind uns bewußt, daß eine höhere Macht, die über uns waltet, uns in diese prüfungsreiche Zeit gestellt hat, wir sind uns bewußt, daß nach Bismarcks prophetischen Worten die ganze Welt am germanischen Geiste gesunden muß.“ (! ?, Anm. M. E. Frenzel)

(Vortrag in der Königlichen Technischen Hochschule zu Dresden, 24. Februar 1915.)

„Wir wollen bedenken, daß auch hinter den Wolken die Sonne scheint und daß hinter dem Schleier, der es uns unmöglich macht, eine weitere Erkenntnis aller Dinge zu erlangen, nach den tiefsinnigen letzten Worten des Vaterunsers die Macht und die Kraft und die Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit steht.“

(Rede am Grabe seines Berufskollegen Geh. Hofrat Professor Dr. von Meyer, 1916.)

In memoriam Prof. Walther Hempel

Wohnhaus der Familie Hempel auf der Altenzeller Straße 44 in Dresden

In memoriam Prof. Walther Hempel

Altenzeller Straße 44, Zustand nach 1945, fotografiert vermutlich von Prof. Dr. Eberhard Hempel

In memoriam Prof. Walther Hempel

Altenzeller Straße 44, ca. 1950

In memoriam Prof. Walther Hempel

Altenzeller Straße 44, nach dem vereinfachten Wiederaufbau in den 1950er Jahren durch Prof. Dr. Eberhard Hempel, einen der Söhne von Prof. Dr. Walther Hempel

In memoriam Prof. Walther Hempel

Das Wohnhaus der Familie Hempel auf der Altenzellerstraße 44 in Dresden nach 1950, Gartenseite

Eigene Aussprüche und Lieblingszitate von Prof. Dr. Walther Hempel, mitgeteilt von der Familie Hempel:

„Am Schweren übe deine Kraft, So bringst dus bis zur Meisterschaft.
Sprich täglich zu dir selbst: Ich will!
Mit dem: Ich kann nicht! schweige still.
Vor allem sei in allem wahr!
Vor allem sei in allem klar!
Die Wahrheit deines Herzens schützt,
Die Klarheit des Verstandes blitzt.
Das ist es, was ich sagen kann.
Nun, Kindlein, werd ein kluger Mann!“
Diese Verse schrieb ein Lehrer meinem Vater als achtjährigem Jungen ins Stammbuch. Er hat sie uns oft wiederholt.

„Was du tun willst, tue gleich.“ Oft sprach er vom „Goldstaub der Zeit“.

„Beantworte deine Briefe am selben Tage, an dem du sie erhältst. Sonst mußt du Zeit und Mühe daraus verwenden, sie ein zweites Mal zu lesen.“

„Mit Vielem hält man haus, mit wenig kommt man aus.“

„Das kostbarste Gut, was der Mensch hat, ist die Zeit. Sie auszunutzen ist die unbedingte Pflicht, da sie unwiederbringlich verschwindet.
Wie ich so alt war wie Du, habe ich von früh vier Uhr bis abends neun Uhr schwer gearbeitet. Es hat sich reich gelohnt.“
Brief an seinen Sohn.

„Was du kaufst
Und du nicht brauchst,
Ist viel zu teuer,
Und kostet es auch nur ’nen Dreier.“

„Wenn jemand alljährlich etwas zurücklegt, und sei es nur eine kleine Summe, so kann er ein reicher Mann werden. Wenn er jedes Jahr ein wenig mehr ausgibt, als sein Einkommen beträgt, so hat er nicht allein nichts erspart, sondern von Jahr zu Jahr verringern sich seine Zinsen. – Eine alltägliche Weisheit, und doch befolgen sie viele Menschen nicht.“

In memoriam Prof. Walther Hempel

Speisezimmer im Wohnhaus von Prof. Dr. Walther Hempel

„Wenn von jemand erzählt wird, er sei ein sehr reicher Mann, er habe ein Einkommen von soundsoviel Tausenden, so muß man diese Summe mit vier dividieren und dann die Hälfte nehmen, so wird man ungefähr das Richtige treffen.“ (Ubernommen von seinem Vater.)

„Ein Mann, ein Wort.“

„Die einzige Person, auf die du dich ganz fest verlassen kannst, bist du selber.“

„Mit der Wahrheit kommt man immer am weitesten.“

„Die Welle trägt, aber sie läßt sich nicht lenken.“

„Denn was der Augenblick versäumt, bringt keine Ewigkeit zurück.“

„Aus dem Glück kommt das Unglück, aus dem Unglück kommt das Glück.“

„Glücklichsein ist ein rein innerlicher Prozeß und hat mit äußeren Verhältnissen nichts zu tun.“

„Das Hemd des Glücklichen“ – Ein Märchen, das er mit Vorliebe erzählte.

„What are we good for in the World, if we do not help each other“ sagte ein einfacher amerikanischer Farmer zu ihm, der seine Arbeit niedergelegt und ihn ein weites Stück begleitet hatte, um ihn in den einsamen Wäldern des Staates Maine auf den rechten Weg zu bringen, der aber jede Geldbelohnung mit den oben angeführten Worten aufs entschiedenste abgelehnt hatte.

„Ferne Länder wünscht‘ ich einst zu sehen,
Wo dem Menschen keine Schranken sind gesetzt,
Wo die Berge, Flüsse, Seen stehen unberührt und unverletzt.
Bin dann in die weite Welt gezogen,
Sah das Schönste, was die Welt kann bieten,
Habe dann im Stillen alles abgewogen,
Gab die Palme unserm heim’schen Frieden.
Unsre Wälder, unsre Auen,
Sind das Schönste, was ich konnt‘ erschauen.“

Kanada 1910.

Dieser Vers findet sich in einem kleinen Heft unter allerhand wissenschaftlichen Reisenotizen.

In memoriam Prof. Walther Hempel

Blick vom Flur zum Speisezimmer im Wohnhaus der Familie Hempel

„Das einzigste, was die Völker dauernd verbindet, ist die Interessengemeinschaft.“

Unter Zahlen über die Roheisengewinnung der einzelnen Völker:
„Nicht, wo die goldene Ceres lacht,
Und der freundliche Pan, der Flurenbehüter,
Wo das Eisen wächst in des Berges Schacht,
Da entspringen der Erde Gebieter.“

„Die höchste Gesittung finden wir in der Rückkehr zur Natur.“

„Überm Meere, in der Ferne, leuchten uns dieselben Sterne.“

„Was kein Verstand der Verständigen sieht, das ahnet in Einfalt ein kindlich Gemüt.“

„Es ist keine Kunst, heiter zu sein, wenn man sich gesund fühlt.“

„Es gibt eine Gerechtigkeit auf Erden, daß die Gesichter wie die Menschen werden.“

„Große Gedanken und ein reines Herz, Das ist’s, was wir uns erbitten sollten.“ – Dieses Goethewort schrieb er seinem jüngsten Sohn zur Konfirmation ins Gesangbuch.

„Die Überzeugung unserer Fortdauer entspringt mir aus dem Begriff der Tätigkeit, denn wenn ich bis an mein Ende rastlos wirke, so ist die Natur verpflichtet, mir eine andere Form des Daseins anzuweisen, wenn die jetzige meinen Geist nicht ferner auszuhalten vermag.“ Goethe zu Eckermann, 4. Februar 1829.

„Dies Haus ist mein und doch nicht mein,
Dem Nächsten wird es auch nicht sein,
Dem Dritten geht es auch wie mir,
Der Tod kommt ihm vor seine Tür.
Den Vierten trägt man auch hinaus,
Nun sagt mir, wem gehört dies Haus?“

Inschrift am Gasthaus des Thomas Groder in Kals, Tirol.

„Und solang du das nicht hast,
Dieses ‚Stirb und werde‘,
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.“

J. W. v. Goethe.

In memoriam Prof. Walther Hempel

Gartenzimmer im Haus von Prof. Dr. Walther Hempel

„Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn. Er wird’s wohl machen.“ – Diesen Spruch wie den vorhergehenden Vers fand sich an verschiedenen Stellen in den kleinen Notizbüchern, die er zum täglichen und durchaus praktischen Gebrauch ständig bei sich führte.

„Wenn ich nicht mehr arbeiten kann, dann will ich auch nicht mehr leben.“

„Ich habe ein glückliches Leben gehabt und bin bereit zu gehen, wenn es sein soll.“ – (Fünf Wochen vor seinem Tode.)

„Wir werden über seinen Tod trauern, bis über ein kleines auch uns die Stunde schlägt, die uns wieder mit ihm vereint.“ – (Aus dem Entwurf für eine Grabrede, die er fast acht Monate vor seinem eigenen Tode gehalten hat.)

Quelle: die Texte dieser Seite entstammen der Gedenkschrift: „Walther Hempel, Geheimer Rat und Professor in Dresden, zum Gedächtnis“, Verlag von v. Zahn & Jaensch, Dresden, 1916.

Im Wohnhaus von Prof. Walther Hempel

Im Wohnhaus von Prof. Dr. Walther Hempel