Wiederaufbau Dresden ab 1945

3. Wiederaufbau der Dresdner Innenstadt ab 1945 – Aufgaben, Chancen, Leistungen, Fehlentscheidungen

(Rundgang Innenstadt, evtl. in Verbindung mit einer Stadtrundfahrt)

Stationen:

Gedenkstätte für die Sophienkirche (Nähe Postplatz) – Schauspielhaus – Zwingerhof – Theaterplatz (Semperoper) – Residenzschloss – Schlossplatz (Hofkirche/Kathedrale Ss. Trinitatis) – Brühlsche Terrasse – Neumarkt (Frauenkirche) – Altmarkt (Kulturpalast, Kreuzkirche) – evtl. Prager Straße,

Dauer (Rundgang Innenstadt ohne Stadtrundfahrt):

ca. 2,5 – 3 Stunden, Rundgang + Stadtrundfahrt: 3 – 4 Stunden.

Die Bombenangriffe am 13. und 14. Februar 1945, es waren die größten konventionellen Luftangriffe des zweiten Weltkrieges und der bisherigen Kriegsgeschichte, hinterließen eine zerstörte Innenstadtfläche von ca. 15 qkm und etwa 25 000 Tote.

Bereits 1945 begannen Überlegungen/Planungen, wie mit der zerstörten Innenstadt zu verfahren sei: „Wiederaufbau oder Neuaufbau?“

Kurios bleibt die originelle Idee: „Wir bauen Dresden wieder auf, aber an anderer Stelle“.

Wiederaufbau Dresden

Blick auf die historische Innenstadt vom Neustädter Elbufer aus, ganz links die Kunstakademie mit dem Ausstellungsgebäude an der Brühlschen Terrasse, dahinter die Kuppel der Frauenkirche am Neumarkt, rechts in der Mitte (sandfarben mit grünem Kupferdach) die Sekundogenitur, dann das Neue Ständehaus, der Hausmannsturm des Residenzschlosses mit Turmspitze, am Altstädter Brückenkopf der Augustusbrücke die Kathedrale Ss. Trinitatis (ehemalige Katholische Hofkirche), „über“ der Augustusbrücke das Gebäude der Gemäldegalerie Alte Meister von Gottfried Semper am Theaterplatz, auf der Elbe am Terrassenufer unterhalb der Brühlschen Terrasse die beiden modernsten Motorschiffe der Sächsischen Dampfschifffahrt: „August der Starke“ und „Gräfin Cosel“

 Interessant ist im Nachhinein:
diejenigen Gebäude, die das Bild des „alten Dresden“ seit Canalettos Stadtansichten prägten und die für die „Kunststadt“ und „Barockstadt“ Dresden in erster Linie stehen, waren zum großen Teil „nur“ insoweit teilzerstört oder schwer beschädigt (ausgebrannt, Dächer und Decken eingestürzt), dass sie überhaupt wiederaufbaufähig waren:
der Zwinger, Gottfried Sempers Galeriegebäude an der Nordseite des Zwingerhofes, die Semperoper, die Hofkirche, das Residenzschloss, die Augustusbrücke, die Bauwerke an der Brühlschen Terrasse und im Zentrum der alten Residenzstadt, der Festung Dresden, die Kreuzkirche und das Neue Rathaus am Altmarkt. Andere Gebäude waren völlig zerstört worden.
Bereits 1945 begann der Wiederaufbau des zerstörten Zuschauerraumes des Schauspielhauses, das 1948 wiedereröffnet werden konnte. (Das Bühnenhaus war erhalten geblieben.)
Eine Einzelvorstellung blieb die Idee, „den Zwinger als Platz ordentlich aufzuräumen und die Reste der Bauwerke sich mit Rankrosen und Wildem Wein sich bedecken zu lassen“ (zit. bei M. Lerm, S. 34).
Im Durchgang vom Zwingerhof zur Sophienstraße im Glockenspielpavillon des Zwingers zu Dresden verkündet eine Inschrift:
„… Bereits 1945 begannen auf Beschluss der neuen demokratischen Stadtverwaltung in Zusammenarbeit mit der sowjetischen Kommandantur die Vorarbeiten für den Wiederaufbau des Zwingers.
1945 – 1964 wurde unter der Arbeiter- und Bauernmacht der Zwinger in alter Schönheit wiederhergestellt. Die künstlerische Leitung hatten Hubert Ermisch und Arthur Frenzel.“
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Im Zwingerhof, Blick zur Langgalerie mit dem Kronentor, im Hintergrund rechts das Schauspielhaus (mit rotem Ziegeldach) an der Ostra-Allee

Auch mit dem Wiederaufbau der kathol. Hofkirche und der ev.-luth. Kreuzkirche begannen die beiden großen Kirchen sogleich, zunächst allerdings mit der Schuttberäumung.
Am 4. August 1945 konnte die erste Nachkriegs-Kreuzchorvesper in der ausgebrannten Ruine der Kreuzkirche gefeiert werden, zum ersten Male erklang der Trauerhymnus mit Texten aus den Klageliedern des Jeremias, den Kreuzkantor Rudolf Mauersberger am Karfreitag 1945 komponiert hatte:
Wie liegt die Stadt so wüst, die voll Volks war. Alle ihre Tore stehen öde. Wie liegen die Steine des Heiligtums vorn auf allen Gassen verstreut… Ist das die Stadt, von der man sagt, sie sei die allerschönste?…“
Der zunächst nur provisorisch gemeinte Wiederaufbau der Kreuzkirche war 1955 vollendet. Inzwischen haben die Dresdner die ausdrucksstarke Rauhputzinnenraumgestaltung von Fritz Steudtner zu schätzen gelernt.
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Der Innenraum der Kreuzkirche zu Dresden, Blick zum Altar mit dem Altarbild (1900) „Kreuzigung Christi“ von Anton Dietrich

Am 8. Juli 1962 weihte der Bischof von Meißen, Dr. Otto Spülbeck, den neuen Hochaltar der Hofkirche.
Die überraschende Rückgabe der Gemälde der Kurfürstlich-Königlichen Sammlung durch die Sowjetunion machte den zügigen Wiederaufbau der Gemäldegalerie von Gottfried Semper erforderlich, die am 3. Juni 1956 wieder eröffnet werden konnte. Der Wiederaufbau/-ausbau des Galeriegebäudes am Zwinger war 1960 abgeschlossen.
Kurzlebig war die Absicht, den Theaterplatz zu einem Demonstrationsplatz/Kundgebungsplatz umzugestalten und ein Opernhaus neu zu errichten.
1977 begann der Wiederaufbau der Semperoper, der 1985 vollendet war.
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Die Semperoper am Theaterplatz, rechts das Denkmal König Johanns (Philalethes)

Mit dem Residenzschloss tat man sich zunächst schwer, war es doch nach marxistischer Geschichtsauffassung der Regierungs- und Wohnsitz der ungeliebten Feudalherren, die über Jahrhunderte das Volk geknechtet und ausgebeutet hatten. Glücklicherweise wurde aber erkannt, dass „das Schloss“, wie es damals einfach genannt wurde, für die Gestaltung des Theaterplatzes unverzichtbar ist. Der Wiederaufbau begann 1985, nachdem der Aufbau der Semperoper vollendet war.
Der Wiederaufbau der Augustusbrücke war 1949 vollendet, gegen Kriegsende waren zwei Brückenbögen von der Wehrmacht gesprengt worden.
Das Blockhaus am Neustädter Brückenkopf der Augustusbrücke wurde 1978 – 1982 wieder aufgebaut.
Für das Taschenbergpalais entstanden ab den 1950er Jahren Planungen für den Wiederaufbau als Studentenwohnheim, Hotel, Sitz der Städtischen Bibliothek. Der Wiederaufbau erfolgte schließlich 1992 – 1995 als Hotel Taschenbergpalais Kempinski Dresden.
Die Bauwerke an der Brühlschen Terrasse:
Die alten Festungsanlagen an der Elbseite der Dresdner Altstadt (später Brühlsche Terrasse genannt) hatten auch die Bombenangriffe von 1945 nahezu unbeschadet überstanden, die Gartenanlagen auf der Brühlschen Terrasse, das vierte Belvedere und die anliegenden Gebäude waren aber zerstört oder schwer beschädigt.
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Blick von der Carolabrücke elbabwärts, in der Mitte die Brühlsche Terrasse mit der Kunstakademie und der Sekundogenitur, dahinter die Turmspitze des Hausmannsturms des Residenzschlosses, der Turm des Neuen Ständehauses am Schlossplatz, die Kathedrale, rechts die Semperoper am Theaterplatz und die Augustusbrücke über die Elbe, am Terrassenufer zwei Personendampfer der Sächsischen Dampfschifffahrt

Die Sekundogenitur wurde 1963 – 64 wieder auf- bzw. ausgebaut, sie beherbergt seither ein Restaurant und eine Weinstube und gehört nunmehr zum Hotel Hilton Dresden.
Die Kunstakademie, die Kubatur hatte die Angriffe überstanden, diente ab 1952 wieder dem Lehrbetrieb der Hochschule für Bildende Künste Dresden.
Im wieder nutzbar gemachten Albertinum waren ab 1959 Teile der Porzellansammlung, des Kupferstichkabinetts, des Münzkabinetts, des Grünen Gewölbes und des Historischen Museums untergebracht. 1965 zog die Gemäldegalerie Neue Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ein.
An der Stelle der am 9. November 1938 in der Reichspogromnacht in Brand gesetzten Alten Synagoge von Gottfried Semper entstand bis 2001 die Neue Synagoge des Saarbrücker Architekturbüros Wandel, Hoefer, Lorch + Hirsch östlich neben der Brühlschen Terrasse.
Die Frauenkirche:
In den Planungen der 1950er Jahre war immer wieder der Aufbau der Frauenkirche vorgesehen, aber auch die völlige Beräumung der Ruine der Frauenkirche wurde in Erwägung gezogen.
1962 wurde schließlich festgelegt, dass die Ruine der Frauenkirche als Mahnmal erhalten bleiben soll.
Der Neumarkt:
Erst in den 1980er Jahren entstanden neue Pläne zur Neubebauung des Neumarktes in Plattenbauweise unter Beibehaltung der alten Straßenverläufe (so ähnlich, wie in dieser Zeit das Nikolaiviertel in Ostberlin wieder aufgebaut worden war) und zum Wiederaufbau der Frauenkirche.
Diese Vorhaben konnten in der DDR nicht mehr realisiert werden, erst 1994 begann der Wiederaufbau der Frauenkirche, die am Vortag des Reformationsfestes (30.10.) 2005 neu geweiht werden konnte.
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Die Frauenkirche am Neumarkt

Zugleich begann auch die Neubebauung der Nachbarschaft der Frauenkirche im Gebiet um den Neumarkt in historisierender Form, die das Platzbild aus der Zeit um 1800 wiedererstehen lassen soll.
In einem Entwurf der 1950er Jahre war die Errichtung eines Hochhauses am Neumarkt vorgesehen.
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Blick vom Turm der Kreuzkirche in Richtung Neumarkt mit der Frauenkirche und Fassadenrekonstruktionen barocker Bürgerhäuser, dahinter die Augustusbrücke über die Elbe, am Neustädter Brückenkopf der Augustusbrücke das Blockhaus, links neben dem Blockhaus The Westin Bellevue Hotel Dresden, dahinter erstreckt sich die Innere Neustadt, links hinten der Stadtteil Dresden-Pieschen, im Hintergrund oben liegen Dresden-Klotzsche mit dem Flughafen und die Gartenstadt Dresden-Hellerau

 

 

Das Altmarktgebiet:
Die Neubebauung der 1945 weitgehend zerstörten Stadt der Bürger, nördlich des „Residenzviertels“ und der „Museumsstadt“ im Gebiet um den Altmarkt gelegen, begann mit der Grundsteinlegung durch Walter Ulbricht am 31.05.1953 am Altmarkt.
Gebaut wurde gemäß der „16 Grundsätze des Städtebaus“ in Fortsetzung „fortschrittlicher Bautraditionen“ in barockisierender Form im Stile des Sozialistischen Klassizismus in einer sehr gediegenen Bauweise mit reichem und nahezu völlig ideologiefreiem bauplastischem Dekor.
An dem Gebäude an der Ecke Altmarkt/Kreuzstraße ist an der Fassade zum Turm der Kreuzkirche hin eine Gruppe von drei Tauben dargestellt. Eine trägt einen Ölzweig im Schnabel.
Selbstverständlich wird sie als Friedenstaube wahrgenommen, zugleich stellt sich aber auch die Erinnerung an den Ursprung des Bildes „Taube mit Ölzweig“ ein: die Erzählung von der Sintflut (Genesis 7, 10 – 24 und Genesis 8, 1 – 14) im Alten Testament:
Noah läßt von seiner Arche aus Tauben ausfliegen. Schließlich kehrt eine mit eben diesem Ölzweig zurück, Zeichen dafür, dass nach der großen, vernichtenden Flut wieder trockenes, sicheres Land aufgetaucht ist – ein am Ende der 1950er Jahre nur allzu deutlicher Hinweis.
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Eckhaus Altmarkt/Kreuzstraße

Das neobarocke Ensemble im Gebiet um den Altmarkt steht heute zu recht unter Denkmalschutz.
(Vielleicht sollte man im Falle der im Altmarktgebiet verwirklichten Bauvorhaben besser von „sozialistischem Historismus“ als von „Sozialistischem Klassizismus“ sprechen.)
In ähnlicher Weise waren zuvor schon die Neubebauung der Südvorstadt südlich vom Hauptbahnhof und der Grunaer Straße östlich vom Stadtzentrum erfolgt.
Die ganzen 1950er Jahre hindurch entstanden Entwürfe zu einemHaus der Sozialistischen Kulturam Altmarkt im Stile der Sieben Schwestern“ in Moskau.
Zu diesem Gebäude sollte ein die ganze Innenstadt überragender Turm gehören, mit 124 Meter Höhe wäre er um ca. ein Viertel höher geworden als der Turm des Neuen Rathauses und hätte tatsächlich die Innenstadt dominiert.
Man wird an die biblische Geschichte vom Turmbau zu Babel (Genesis 11, 1 – 9) erinnert.
Gebaut wurde dann glücklicher- und wundersamerweise von 1966 – 69 der flach hingelagerte Kulturpalast im Stil der internationalen Moderne in bester Fortsetzung der Bauhaustradition.
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Blick vom Turm der Kreuzkirche über den Altmarkt zum Kulturpalast, links hinten das Residenzschloss mit dem Hausmannsturm, in der Bildmitte der Turm der Kathedrale (ehemalige Hofkirche), rechts hinter dem Kulturpalast das Johanneum (Verkehrsmuseum) am Neumarkt, dahinter das Neue Ständehaus mit Turm am Schlossplatz, vorn rechts das Gaststättengebäude „Haus Altmarkt“ mit kleinem Türmchen mit Kupfereinkleidung, im Keller des Gebäudes befindet sich das Restaurant „Altmarktkeller“

Der Kulturpalast reiht sich ein in die Reihe der bedeutenden Kulturbauten jener Zeit wie dem Opernhaus (1959 – 1973) in Sydney oder der Audienzhalle (1964 – 1971) Pauls VI. im Vatikan.
Die Prager Straße:
Ab 1963 erfolgte im Stile der Nachkriegsmoderne die Bebauung der Prager Straße, ebenfalls in bester Bauhaustradition, in der Qualität durchaus den Vorhaben in Brasiliens damals neuer Hauptstadt Brasilia entsprechend:
die Hotelhochhäuser Bastei, Lilienstein, Königstein in „Kammstellung“, das Hotel Newa, das Rundkino und vor allem die 242 Meter lange Wohnzeile („Prager Zeile“) längs der St. Petersburger Straße (damals Leningrader Straße) als Wohnmaschineim Sinne Le Corbusiers.
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Die „Prager Zeile“ (Corbusierhaus) an der Prager bzw. St. Petersburger Straße

An der Nordseite der Prager Straße waren ein „Haus des Lehrers“ und ein „Interhotel“-Hochhaus vorgesehen, die Fundamente waren gelegt worden.
Später war nach Einstellung der Bauarbeiten auf diesem Gelände ein Skulpturengarten angelegt worden.
In den 1980er Jahren erfolgte die Planung einer Bebauung mit Wohnhäusern in Plattenbauweise.
Fertiggestellt wurde bis 1989 nur noch eine Häusergruppe an der St. Petersburger Straße in der Nähe des Rundkinos.
Heute wird diese verbliebene innerstädtische Brachfläche (östlich unmittelbar neben dem Karstadt-Kaufhaus gelegen) als Parkplatz genutzt.
In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre war der Altmarkt als zentraler Kundgebungsplatz für machtvolle „Standdemonstrationen“ wiedererrichtet worden, die zentrale Ost-West-Magistrale im Zentrum der Innnenstadt, damals Ernst-Thälmann-Straße genannt (heute Wilsdruffer Straße), sollte auch „Fließdemonstrationen“ dienen.
Unbebaut blieb die Südseite des Altmarktes, die erst nach 1990 modern neubebaut wurde. Dadurch konnte das Altmarktareal annähernd auf seine Größe vor der Zerstörung 1945 reduziert werden.
Als letzte der in der Innenstadt erhaltenen Ruinen von 1945 wurde 2006 – 2008 das Kurländer Palais am Ostrand der alten Festung Dresden wieder auf-/ausgebaut.
Die lange Nord-Süd-Achse im „zentralen Bereich“ der Innenstadt, beginnend am Rand der Inneren zur Äußeren Neustadt mit dem Albertplatz, Hauptstraße, Augustusbrücke, Schlossstraße, Altmarkt, Prager Straße, Hauptbahnhof wurde weitgehend als Fußgängerzone ausgewiesen und gestaltet.
Für den Fahrverkehr in der „autogerechten Stadt“ wurde in Nord-Süd-Richtung die leistungsfähige Trasse Albertstraße, Carolabrücke (1967 – 1971 errichtet), Pirnaischer Platz, Leningrader Straße (heute St. Petersburger Straße) geschaffen.
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Blick vom Gebäude der Sächsischen Staatskanzlei in der Inneren Neustandt auf die historische Innenstadt bzw. die Innere Altstadt, im Vordergrund die Carolabrücke über die Elbe, im Hintergrund links der Turm des Neuen Rathauses und klein (links von der Frauenkirche) der Turm der Kreuzkirche am Altmarkt

Unspektakulär verlief die Neubebauung der alten Vorstädte:
der Pirnaischen Vorstadt, der Wilsdruffer Vorstadt und der Seevorstadt in den 1960er Jahren mit in Serie gefertigten Wohnplattenbauten in Block- bzw. Zeilenbauweise, zuweilen allerdings geradezu unbeholfen in die „Gegend“ gestellt.
Immernoch harren Brachflächen, vor allem in der Pirnaischen Vorstadt, der Bebauung.
Fragt man nun, was an der Nachkriegsbebauung in der Innenstadt Dresdens spezifisch, originär „sozialistisch“ ist, stellt sich die – vielleicht verblüffende – Erkenntnis ein: das Ensemble der Prager Straße jedenfalls nicht und auch nicht der Kulturpalast (das ist internationale Moderne), allenfalls die Altmarktbebauung im Stile des Sozialistischen Klassizismus.
Aber auch da läßt sich einwenden:
Historismus ist keine Erfindung der Architekten in den sozialistischen Ländern.
Originär sozialistisch ist an diesen Bauvorhaben nur die großzügige, gewollte und als berechtigt empfundene Inanspruchnahme von privatem Grundeigentum und die nachfolgende großflächige und parzellenübergreifende Bebauung:
Enteignungen mit oder ohne Entschädigung und mehr oder weniger freiwillige Schenkungen waren nach der Zerstörung der alten Bausubstanz 1945 die zweite Voraussetzung für die Neubebauung des Altmarktgebietes.
Erwähnenswert ist dazu das Schlusswort von Oberbürgermeister Walter Weidauer in der öffentlichen Sitzung der Stadtverordnetenversammlung im Großen Haus des Staatstheaters (Schauspielhaus) am 10. Mai 1951:
„Es ist besser, man baut im Frieden auf fremden Boden, als dass einem im Kriege fremde Bomben auf den Kopf fallen.“ (Stadtarchiv Dresden, Akte Ratssitzungen, 1951, Protokolle 25).
Während der Amtszeit von Oberbürgermeister Walter Weidauer wurde der Abriss der Ruinen von 1945 forciert betrieben („Großflächen-Enttrümmerung“). Dabei wurden auch wiederaufbaufähige Ruinen, oft ganze erhaltenswerte Straßenzüge, „vorauseilend“ beseitigt. Statt einer Neubebauung erfolgte die Anlage von „großräumigen“ innerstädtischen Grünflächen, was Walter Weidauer unter Dresdner Architekten und anderen Bauschaffenden den Namen „Wiesen-Walter“ eintrug.
Bedauerlich bleibt vor allem auch der Abriss des barocken Bürgerhausensembles an der Rampischen Strasse am Neumarkt im Jahre 1956. Klaus Mertens hatte zuvor den Ausbau der Ruinen zum Studentenwohnheim der HfBK Dresden vorgeschlagen.
In unmittelbarer Nachbarschaft des Neumarktes wäre damit ein originales innerstädtisches Bürgerhausensemble aus der Barockzeit erhalten geblieben. Jetzt sind aus dieser Zeit nur erhalten die Bürgerhäuser im „Barockviertel“ im Gebiet Hauptstraße, Rähnitzgasse, Königstraße in der Inneren Neustadt und ein paar Bürgerhäuser von George Bähr, dem Architekten der Frauenkirche, in Bautzen auf der Inneren Lauenstraße.
Im Neumarktgebiet müssen wir uns mit barockimitierender Kulissenarchitektur des 21. Jahrhunderts begnügen. Achtsam wurden allerdings Details rekonstruiert, wie etwa der Erker der neu errichteten Heinrich-Schütz-Residenz mit dem 1945 geretteten Kinderfries vom Wohnhaus des Hofkapellmeisters Heinrich Schütz oder auch die Figur des König Salomon an der neugebauten Salomonisapotheke am Neumarkt.
Eine Tragödie war der Entscheidungsprozess, der zum Abriss der Ruine der Sophienkirche 1962 – 1963 führte:
nicht militanter Atheismus oder sonst irgendwelche Kirchenfeindlichkeit, die es im Umfeld Walter Ulbrichts ja auch gegeben haben, waren die Triebkräfte, die zur Abrissentscheidung führten, sondern die Einschätzung, dass eine gotische Hallenkirche nicht „typisch“ für die Barockstadt Dresden und damit entbehrlich sei.
Die älteste Kirche der Stadt, errichtet als Franziskanerklosterkirche, evangelische Hofkirche ab 1737, ging damit verloren. Fünf Strebepfeiler sind als Gedenkstätte in der Nähe des Postplatzes neu aufgestellt worden.
Der Altar der Sophienkirche von Hofbildhauermeister Giovanni Maria Nosseni ist in der ev.-luth. Kirche von George Bähr in Dresden-Loschwitz aufgestellt.
Eine Skulptur Christus an der Geißelsäule vom Epitaph für Hofbildhauermeister Giovanni Maria Nosseni hat in der Kreuzkirche einen neuen Standort erhalten.
Andere Ausstattungsstücke werden im Stadtmuseum (Landhaus) aufbewahrt und gezeigt.
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Hotel de Saxe am Neumarkt, links daneben der Neubau der Salomonisapotheke, heute Freiberger Schankhaus

Zur individuellen Absprache rufen Sie mich bitte einfach an: Tel. 49 (0) 351 471 32 24.
Literatur:
Lerm, Matthias, Abschied vom alten Dresden, Verluste historischer Bausubstanz nach 1945, mit einem Geleitwort von Thomas Topfstedt, zweite, leicht überarbeitete Auflage, Rostock, 2001.

www.das-neue-dresden.de

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